An(ge)dacht für den 7. Sonntag nach Trinitatis, 14.07.2024

Johannes 6 oder: Das Vertrauen eines Kindes

Der Evangelist Johannes erzählt im 6. Kapitel seines Evangeliums wie Philippus gemeinsam mit Jesus auf dem Berg stand und die vielen Menschen betrachtete, die ihnen gefolgt waren. Die Frage Jesu, wo man denn nun das Brot kaufen könne, um alle zu versorgen, brachte ihn in große Schwierigkeiten. Die Ursache seiner Schwierigkeiten erfahren wir in seiner Antwort.

Philippus war nicht ein Mann, der mit Wunder rechnet – und somit auch nicht mit Christus rechnete. Philippus rechnete nur mit den vorhandenen Geldmitteln. Und die, das hatte er auch schon ausgerechnet, reichten niemals aus, um alle mit Brot zu versorgen. Seine Antwort auf die Frage Jesu war also: Wir können nicht alle speisen. Wir müssen viele von ihnen wegschicken. Unsere eigenen Mittel und Möglichkeiten reichen nicht aus.  In Philippus wird uns jener Typ von Bedenkenträger vorgestellt, der nur dann einen Ausweg erblickt, wenn die nötigen Geldmittel vorhanden sind. Stehen die nicht bereit, dann wird die Situation als eine Krise erlebt, die nicht bewältigt werden kann. Große Hilflosigkeit und Resignation sind die Konsequenzen eines solchen Erlebens.

Der Evangelist schweigt zu diesem möglichen Umgang. Fast schon könnte man annehmen, dass er für ihn ein völlig indiskutables Umgehen darstellt. Statt eines direkten Kommentars berichtet Johannes von einem Kind, das zu Jesus geführt wurde und ihm fünf Gerstenbrote und zwei Fische übergab. Damit stellt uns Johannes einen weiteren Umgang mit einer Krise vor. Man muss sich diese Situation einmal richtig vor Augen führen: da waren 5000 Männer, die Frauen und Kinder wurden ja nicht mitgezählt, und ihnen gegenüber stand ein Kind mit seiner Gabe. Dass dies sehr grotesk auf manche Beteiligten gewirkt haben muss, wird aus dem Kommentar des Andreas – mit ihm wird uns ein weiterer Typus des Bedenkenträgers vorgestellt – deutlich: „Was ist das für so viele?“.

Das Kind hatte sich seiner Meinung nach durch seine Gabe der Lächerlichkeit preisgegeben. Aber allein schon die Tatsache, dass das Kind seine Brote und Fische anbot, zeigt an, dass es sich sehr wohl der Ernsthaftigkeit der Situation bewusst war. Hier lag keine Naivität vor. Die Gabe war ernst gemeint und ebenso das tiefe Vertrauen, welches es in Christus hatte. Und wie Philippus und Andreas wusste auch das Kind, dass seine Gabe nicht ausreichen würde, um alle mit Brot zu versorgen.

Aber im Unterschied zu Philippus, dem Rechner und Andreas, dem Skeptiker, verfiel das Kind nicht in Resignation oder Hilflosigkeit, sondern es tat etwas sehr Überraschendes: es übergab seine kleine Gabe Jesus. Nur hier erwartete es Hilfe aus der Krise. Nur in ihm erblickte es den, der in der Lage ist, alle Menschen mit Brot zu versorgen. Dieses Kind zeigte durch sein Verhalten an, dass es mit dem Ereignis des Wunders rechnete. Und es war in seinem Tun, in seinem Vertrauen, in seiner Hoffnung allen anderen weit überlegen.

Jesus gab dem Kind in seinem Tun, in seinem Vertrauen Recht. Er nahm die Gabe des Kindes an, dankte seinem Vater und begann dann mit der Verteilung der Speisen. Das Ergebnis war die Fülle! Die Kirche darf in der Gewissheit leben, dass in ihr – im Unterschied zu Welt – das Ereignis des Wunderbaren stattfinden kann. Deswegen stattfinden kann, weil Christus ihr Herr ist. Ohne Ihn wird man lediglich mit der Erfahrung des Mangels konfrontiert.

Amen

Ihre Pfrn. G. Steinmeier