An(ge)dacht am Sonntag Rogate, den 22. Mai 2022

Liebe Leserin, lieber Leser,                                                             

Rogate! Der Name dieses 5. Sonntags nach Ostern gibt das Thema vor: Betet! Bittet!

„Was sollen wir denn nun beten, wenn wir die Hände falten? Wie drücken wir das aus?“ wollen die Jünger und seine Zuhörerschaft von Jesus wissen, während er die Bergpredigt hält. Er spricht es ihnen vor:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Unser tägliches Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. Und führe uns nicht in Versuchung, son-dern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. (Matthäus 6,9-13)

Jesus greift im Vaterunser bekannte Gedanken und Wendungen aus der jüdischen Tradition auf, mit denen er bestens vertraut ist. Es sind die existenziellen Dinge, die elementaren Bedürfnisse und großen Menschheitsthemen, um die es hier geht.

Schauen wir uns das einmal in der Übertragung im Lutherlied an. Die 1. Strophe beginnt mit der Anrede „Vater unser im Himmelreich…“. Als Gebetsgemeinschaft von Brüdern und Schwestern sind wir vor Gott alle gleich. Das ist Luther wichtig. Das betont er bereits in seiner Vaterunser-Auslegung im Kleinen Katechismus. Ob allein oder in Gemeinschaft – es soll in der Haltung geschehen, dass wir als Menschen zusammengehören. So will Gott „das Beten von uns han“, dichtet Luther. Die Strophe mündet in der Bitte um ein aufrichtiges, nicht plapperndes Gebet, wie auch schon Jesus sagt. Es soll echt sein. Nicht gedankenlos, sondern „von Herzensgrund“.

2. Strophe: Geheiligt werd der Name dein, dein Wort bei uns hilf halten rein, / dass auch wir leben heiliglich, nach deinem Namen würdiglich. / Behüt uns, Herr, vor falscher Lehr, das arm verführet Volk bekehr.

Der Name Gottes ist die dem Menschen zugewandte Seite, wie Gott sich offenbart. Das erinnert mich an die berühmte Mosegeschichte, in der Gott durch den brennenden Dornbusch seine Stimme hören lässt. „Ich bin, der ich bin“, sagt Gott zu Mose, „Ich bin alle Tage bei dir und deinem Volk. Ich bin da. J-H-W-H. Das ist mein Name“ (2. Mose 3,14). Weil Gottes Name heilig ist, darum soll Mose seine Schuhe ausziehen an diesem besonderen Ort, als Zeichen der Ehrfurcht und als Geste der Heiligung von Gottes Namen.

Vor dem Hintergrund solcher alten Geschichten folgt der für Luther untrennbare Zusammenhang zwischen Name Gottes und Wort Gottes: „…dein Wort bei uns hilf halten rein.“ Luther nennt hier wie auch in den nachfolgenden Strophen die Gefahren und dunklen Mächte, die Gottes Wirksamkeit und Macht verschweigen, verfälschen oder verleugnen: „Behüt uns, Herr, vor falscher Lehr“.

Die 3. Strophe veranschaulicht das Wirken Gottes: Es komm dein Reich zu dieser Zeit und dort hernach in Ewigkeit. / Der Heilig Geist uns wohne bei mit seinen Gaben mancherlei; / des Satans Zorn und groß Gewalt zerbrich, vor ihm dein Kirch erhalt.

Gottes Reich möge nicht in einer ungewissen Zukunft oder gar im Jenseits kommen, sondern jetzt. Hier und heute soll es Wirklichkeit werden und in Ewigkeit bleiben. Und der Heilige Geist möge mit seinen „Gaben mancherlei“ bewirken, dass  der Antichrist, die dunklen Mächte in der Welt nicht alles kaputt machen: „Des Satans Zorn und groß Gewalt zerbrich“ fährt Luther fort,damit die Kirche, die Gemeinde Gottes bestehen und erhalten bleibt. Den bösen Mächten wird der Kampf angesagt, damit „dein Will gescheh, Herr Gott“. Sogeht es in der 4. Strophe weiter:

4. Strophe: Dein Will gescheh, Herr Gott, zugleich auf Erden wie im Himmelreich. / Gib uns Geduld in Leidenszeit, gehorsam sein in Lieb und Leid; / wehr und steu’r allem Fleisch und Blut, das wider deinen Willen tut.

Gleichzeitig „auf Erden wie im Himmelreich“ soll dieses Große und Universale spürbar sein. In Martin Luthers Augen ist es grenzenlos, wenn Gottes Wille überall regiert. Trotz dieser Vision bleibt er Realist: Denn sofort folgt wieder solch eine Ernüchterung mit der Erwähnung von Leid in der Welt. Gott selber möge etwas dazu beitragen, damit die Menschen sich nicht gegen seinen Willen verhalten.

Das finde ich bemerkenswert: Mit seiner Umformulierung des Vaterunsers gibt er die Bitte einfach an Gott zurück, indem er sinngemäß sagt: Gott, tue du etwas, wenn wir Menschen deinen Willen missachten, wenn wir schwach sind und an Grenzen stoßen! Es so zu formulieren ist die Kunst des Loslassens (!), anstatt verbissen festzuhalten an den Dingen, die auch Luther am Ende nicht ändern kann.

Bis hierher hatten wir die drei Vaterunser-Bitten, die von Gott handeln: Dein Name werde geheiligt / dein Reich komme / dein Wille geschehe.

In der 5. bis 8. Strophe

folgen die vier Bitten, die sich um die elementaren Bedürfnisse der Menschen drehen:

5. Gib uns heut unser täglich Brot und was man b’darf zur Leibesnot; / behüt uns, Herr, vor Unfried, Streit, vor Seuchen und vor teurer Zeit, / dass wir in gutem Frieden stehn, der Sorg und Geizens müßig gehn.

6. All unsre Schuld vergib uns, Herr, dass sie uns nicht betrübe mehr, / wie wir auch unsern Schuldigern ihr Schuld und Fehl vergeben gern. / Zu dienen mach uns all bereit in rechter Lieb und Einigkeit.

7. Führ uns, Herr, in Versuchung nicht, wenn uns der böse Geist anficht; / zur linken und zur rechten Hand hilf uns tun starken Widerstand / im Glauben fest und wohlgerüst‘ und durch des Heilgen Geistes Trost.

8. Von allem Übel uns erlös; es sind die Zeit und Tage bös. / Erlös uns vom ewigen Tod und tröst uns in der letzten Not. / Bescher uns auch ein seligs End, nimm unsre Seel in deine Händ.

„Gib uns heut unser täglich Brot /  All unsre Schuld vergib uns, Herr / Führ uns, Herr, in Versuchung nicht / Von allem Übel uns erlös …“

Nun könnten wir auch hier die Einzelheiten durchbuchstabieren: Den leiblichen Hunger und dass zum täglichen Brot auch ein „guter Friede“ gehört, den wir miteinander haben. Oder dass Luther die Schuldvergebung in Strophe 6 auf das gute Gewissen und ein reines Herz reduziert, während Jesus’ Vaterunser-Formulierung auch die soziale und materielle Dimension andeutet: Die Vergebung von Geldschulden im Blick auf Schuldenerlass und die Schaffung gerechter Lebensbedingungen, wo Menschen im Teufelskreis der Schuldsklaverei drinstecken. Das entsprechende Wort im griechischen Neuen Testament ist ein Hinweis darauf. Auch zu Jesu Zeiten waren Armut und soziale Ungerechtig-keit ein großes Problem! Und so weiter.

Sonntag für Sonntag gehört das Vaterunser als fester Bestandteil im Gottesdienst dazu und wird bei zahlreichen anderen Gelegenheiten gebetet. Wir brauchen solche Wiederholungen. Für ein gutes seelisches Gleichgewicht. Für ein stabiles Fundament, zur Vergewisserung und Stärkung unseres Glaubens.

In seiner 9. Strophe bringt Luther dies so zur Sprache:

Amen, das ist: es werde wahr. Stärk unsern Glauben immerdar, /

auf dass wir ja nicht zweifeln dran, was wir hiermit gebeten han /

auf dein Wort, in dem Namen dein. So sprechen wir das Amen fein.

Mit dem Vaterunser in Herz und Mund wünsche ich Ihnen ein gesegnetes, sonniges Wochenende!

Ihr Pfarrer Andreas Smidt-Schellong

Text und Melodie: Martin Luther 1539