An(ge)dacht am Sonntag Septuagesimä, den 13. Februar 2022

Liebe Leserin und lieber Leser!

Am heutigen Sonntag beginnt die Vorfastenzeit. Der Name Septuagesimae bedeutet „der 70.“ Tag (vor Ostern) und lenkt unseren Blick bereits jetzt auf das Geschehen nach der Fastenzeit. Die Zahl 70 bezieht sich symbolisch auf die 70-jährige Gefangenschaft des Gottesvolkes in Babylon.

Die Zählweise ist heute nicht mehr ohne weiteres nachvollziehbar, denn es fehlt eine ganze Woche. Martin Senftleben begründet dies so, „dass früher (…) die acht Tage nach dem eigentlichen Fest zur Festzeit hinzugerechnet wurden und als Festtag galten. Somit kommen wir auf insgesamt 70 Tage.“[1]

Das Thema der vorgeschlagenen Texte für diesen Sonntag könnten wir so auf den Punkt bringen: Gottes Güte ist größer als menschliche Gerechtigkeit.

Vom rechten Rühmen

Der Predigttext aus dem Propheten Jeremia entstand mehrere Jahrhunderte früher, bevor Christen anfingen, den Sonntagen im Kirchenjahr Namen zu geben. Er fügt sich aber gut ein in das Leitmotiv von Gottes Güte gegenüber menschlicher Gerechtigkeit.

Aus Jeremia 9:

22 So spricht Gott: Ein Weiser rühme sich nicht seiner Weisheit, ein Starker rühme sich nicht seiner Stärke, ein Reicher rühme sich nicht seines Reichtums. 23 Sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er klug sei und mich kenne, dass ich der Herr bin, der Barmherzig-keit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden; denn solches gefällt mir, spricht Gott.

Die Moral in diesem Abschnitt ist einfach und klar: Man soll sich nicht selbst rühmen. Nicht mit seiner Weisheit oder seiner Stärke oder seinem Reichtum. Das mag Gott nicht, daran hat er keinen Gefallen erläutert der Prophet. Ebenso wie Menschen, die es anstößig finden, wenn andere sich gerne mit ihren Stärken hervortun und viel Platz für sich beanspruchen.

Dabei sind Weisheit, Stärke und Reichtum gar nichts Schlechtes, Jeremia bewertet sie nicht negativ. Nur der Umgang damit; was und wie man etwas daraus macht in seinem Verhalten, das soll man im Blick behalten, das soll man verantwortlich, gewissenhaft und guttun.

Richtiges Verhalten ist nach Jeremias Ansicht ein Verhalten, das Gottes Weisung entspricht. Der Prophet will ja keine Allerweltsweisheit verkünden, sondern er spricht zu Menschen, denen Gott etwas bedeutet. Darum ermahnt er seine Zeitgenossen, sein ganzes Verhalten nach seiner Torah auszurichten.

Vers 23 ist es, auf den es hinausläuft. Es sind die Worte nach dem „sondern…“: „… Einsicht zu haben und MICH, Gott, zu kennen“. Wer sich also rühmt, soll sich darüber rühmen, dass alles von Gott herkommt. Und dabei lernt man sich selber neu erkennen. Alle vermeintlich eigenen Leistungen, alle Gaben und Begabungen, mit denen jemand vor den anderen angibt und sich rühmt, kommen in Wirklichkeit von Gott.

Solche Selbsterkenntnis relativiert seine menschlichen Fähigkeiten auf ein realistisches  Maß. Sie führt noch tiefer hinein in das Lob, das allein Gott gilt.

Weisheit, Macht und Reichtum brauchen darum nicht gleich abgewertet oder moralisch qualifiziert zu werden. Durch das Lob werden sie vielmehr als das erkannt, was sie sind: Gottesgeschenke.

Gottes Ziel ist es, die Menschen zusammenzuführen, indem sie diese Geschenke annehmen, sie gebrauchen, sie teilen und gemeinsam den loben, von dem sie alles haben.

Die Bewegung führt aus der Ichbezogenheit in die Gemeinschaft:

Es geht also nicht darum, durch das Rühmen und Angeben mit Leistungen sein Ego zufrieden zu stellen und am Ende für sich allein einen Vorteil daraus zu ziehen. Sondern es geht darum, außer meinen Leistungen auch die der anderen wahrzunehmen und sie zu würdigen. Dann haben alle etwas davon. Durch diesen produktiven Kreislauf, durch diesen Austausch von Geben und Nehmen wachsen gute Gemeinschaft und ein friedliches Miteinander.

Die beiden Jeremia-Verse fallen aus dem Zusammenhang heraus. In den vorangehenden Kapiteln werden die Versäumnisse des Volkes Israel aufgezählt und die Fehler ihrer führenden Leute beim Namen genannt. Sie waren weise, stark und reich. Doch wie sie ihre Begabungen eingesetzt und was sie daraus gemacht haben, ist der Grund, warum das Volk in die Katastrophe hineinläuft. Gottes Geduld ist am Ende. Er kündigt an, sein Volk ins Unglück zu stürzen.

Diese Gerichtsankündigung gipfelt in den Worten unmittelbar vor unserem Predigttext: „Ja, klagt ihr nur, dass der Tod durch eure Fenster hereingestiegen und in eure Häuser gekommen ist. Er würgt die Kinder auf der Gasse und die jungen Menschen auf den Plätzen. So spricht Gott: Die Leichen der Menschen liegen wie Dünger auf dem Feld und wie Garben hinter denen, die das Korn schneiden. Niemand sammelt sie ein.“ (Jeremia 9, 20-21)

Ein düsteres Szenario! Später stellt sich heraus, dass Gottes Gericht ein Beweis dafür ist, wie sehr er unter seinem Volk leidet. Weil er sein Volk liebt und sich mit ihm identifiziert; weil er so dicht an ihnen dran und mit ihnen verbunden ist, darum reagiert er so heftig. Diese Erklärung macht die Sache vielleicht etwas milder. Aber trotzdem sind die grausamen Worte ausgesprochen und wirken.

Die beiden Verse sind ein kurzes Innehalten, eine Reflexion, wie die Katastrophe verhindert werden kann. Weisheit, Stärke und Reichtum nehmen kein gutes Ende, wenn sie – wie in den vorigen Jeremia-Kapiteln – nicht in Verantwortung vor Gott und den Mitmenschen genutzt werden. Darum entfaltet der Prophet Möglichkeiten, diese drei Gaben positiv einzusetzen.

Zweimal drei Worte stellt Jeremia einander gegenüber: Zuerst Weisheit, Stärke und Reichtum (Vers 22), danach Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit (Vers 23). Beide Sätze sind aufeinander bezogen: Der Weisheit entspricht die Barmherzigkeit, der Stärke wird das Recht gegenübergestellt; dem Reichtum die Gerechtigkeit.

Alle sechs Worte haben in der Bibel einen positiven Klang. Der Sinn ist, dass Weisheit, Stärke und Reichtum wieder auf ihren göttlichen Ursprung zurückgeführt werden. Das beschriebene Unheil, das über das Volk kommen wird, geschieht, weil die Gaben nicht als Gottes Gaben gesehen und nicht zum Wohl des Volkes eingesetzt werden.

Mit dem jeweils gegenüberliegenden Wort wird die menschliche Eigenschaft ganz vom Blick Gottes her betrachtet. Es gibt keine klare Weisheit ohne Barmherzigkeit, keine wahre Stärke ohne Recht und keinen ehrlichen Reichtum ohne Gerechtigkeit.

Kurz: Jeremia will die Verbindung von Lebensführung und Gotteserkenntnis. Eins geht nicht ohne das andere. Entscheidend ist die Haltung, die aus der Gotteserkenntnis folgt.

Wer Gott kennt, sieht nicht nur auf sich selber. Der sieht auch die anderen mit ihren Bedürfnissen. Und die Gemeinsamkeit zwischen dir und mir, zwischen uns und den anderen ist, dass Gott der Ursprung von allem ist. Darüber freuen wir uns und bleiben in gutem Austausch miteinander.

Ich wünsche Ihnen einen gesegneten Sonntag!

   Andreas Smidt-Schellong


[1]Martin Senftleben, Mit dem Kirchenjahr leben, Konstanz 21988.