An(ge)dacht zum Ewigkeitssonntag am 26.11.2023

Loslassen, weitergehen und nach vorne schauen, das fällt an solch einem Tag schwer, auch wenn wir es uns wünschen. Nach vorne schauen, weitergehen…von Zukunft sprechen. Genau das macht auch der Prophet Jesaja, dessen Gedanken uns an diesem Tag begleiten.

„Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe.“

Jesaja verbindet Vergangenes und Zukünftiges, Verlust und Vision. Ob das ein Weg sein kann, schwere Zeiten zu überstehen? Hilft es einen Verlust, der einen schwer atmen lässt, zusammenzubinden mit Bildern einer ganz neuen Zukunft? Von einem neuen Himmel und einer neuen Erde? Jesaja jedenfalls ist sich sicher, dass wir als Menschen immer gleichzeitig in drei Zeitzonen leben: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Und dabei bedingen sich diese drei.

Ich möchte Sie zu einer kleinen inneren Reise einladen, die uns auf die Spur der Gedanken Jesajas bringen kann.

„Ich will, dass Du bist!“ „Ich will, dass Du bist!“ Gott hat mich ganz bewusst ins Leben gerufen, er möchte, dass ich lebe und Zukunft vor mir habe. So habe ich das verstanden. Gerade in Trauer- und Abschiedszeiten jeder Art ist es so wohltuend und wichtig, sich selbst wahrzunehmen. Achtsam darauf zu schauen, was gut tut und was nicht. Was will ich und was will ich definitiv nicht? Will ich Weihnachten alleine sein oder möchte ich mit anderen feiern? Brauche ich jemanden zum Reden oder tut mir jetzt gerade Gartenarbeit gut? Habe ich das Bedürfnis zum Friedhof zu gehen oder gibt es andere Orte der Erinnerung, die ich aufsuchen möchte. Das alles darf und muss man selbst entscheiden. Dies zu tun, hilft die eigene Autonomie wiederzuerlangen.Wer trauert darf sich, trotz aller Kraftlosigkeit, nicht zum Spielball anderer machen lassen. „Ich will, dass Du bist!“ – auch eine Aufforderung, weiter das Leben, das einem geschenkt ist, zu leben. Wenn auch unter anderen Vorzeichen.

Am Ewigkeitssonntag betreten wir im Gottesdienst eine Art zeitlichen Zwischenraum. Die Kerzen, ihr Licht zeugen von der Gegenwart Gottes an diesem Morgen. Gott ist da, gerade in den Erdbebenzeiten des Lebens. Auch wenn ich wenig Konkretes davon verspüre. Und  auch Christusfigur über  dem Altar in der Münster Kirche spricht für sich: auch er trägt die Verwundungen des Lebens sichtbar als Wundmale an Händen und Füßen. Jesus ist einer der wirklich guten Gesprächspartner, wenn es hart auf hart kommt. Das Vergangene bringt man mit, wenn man an diesem Tag die Kirche betritt. Der Schmerz der Verlust wird im Gottesdienst vergegenwärtigt. Gott erschafft Zukunft“ Jesaja 65,18

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.

Das ist eine Schau in die Zukunft, eine Vision aus vorchristlicher Zeit. Und auch nach einem großen Verlust gibt es die Hoffnung, irgendwann wieder aufzustehen und selbstbestimmt Neues zu erleben. Diese Hoffnung will Gott mit seinem Wort in uns entfachen. Natürlich braucht es dazu Geduld, aber diese Geduld ist etwas ganz anderes als ergebene Resignation. Solche Geduld lässt uns das Auf und Ab der Ausnahmezeiten im Leben durchhalten. Wir wissen: Trauer hat einen langen Atem. Nicht aufgeben, darauf vertrauen, dass Gott Neues schafft, schaffen kann. Das flüstert uns Jesaja ins Ohr. Nicht müde werden. Der Blick nach vorne hilft. Alle Verluste prägen und verändern uns. Sie sind Teil unserer Persönlichkeit. Unsere heutige Art Trauer und Verlust schnell abzuhaken und darüber nicht zu sprechen, erweist sich als vollkommener Fehlgriff. Wir müssen darüber sprechen, uns mitteilen, Anteil nehmen, nachfragen, um weiter zu kommen. Ob beste Freundin, Telefonseelsorger, Pfarrerin oder Nachbar. Es gibt sie, die Menschen, die zuhören können und wollen. Der erste Schritt in diese Richtung, das Schwere nach außen zu geben, zu teilen, ans Licht zu holen, kann ein Gebet sein. Gott hört ganz sicher zu und daraus, davon bin ich überzeugt, entwickelt sich mehr und Neues!

Amen

Ihre Pfrn. G. Steinmeier