Passionsandacht am 23.2.2021

über das Paul Gerhardt-Lied „Die güldne Sonne voll Freud und Wonne“ (EG 449)

von Pfarrer Andreas Smidt-Schellong

Alles vergehet, Gott aber stehet …

Liebe Gemeinde,

gerne würden wir in diesen Passionswochen jeden Dienstag Frühandachten in der Taufkapelle der Münsterkirche mit Ihnen feiern, wie gewohnt. Am liebsten mit anschließendem gemeinsamen Frühstück im Gemeindesaal. Weil beides leider nicht möglich ist, schicken wir Ihnen die Andachten stattdessen zu, um wenigstens so in Verbindung mit Ihnen zu sein, und hoffen auf Ihr Interesse.

Als Thema haben wir fünf Pfarrer*innen uns für diese Zeit, jeweils Dienstag 23.2., 2.3., 9.3., 16.3. und 23.3., Gesangbuch-Liedtexte von Paul Gerhardt (1607-1676) und Johann Rist (1607-1667) vorgenommen. Am Anfang soll jeweils ein kurzer biblischer Abschnitt stehen, den wir mit dem jeweiligen Liedtext in Verbindung bringen. Die Andachten sind in Anlehnung an Passionsandachten des Gottesdienstinstitutes Nürnberg geschrieben.

Die Reihe beginnt heute mit Versen aus dem Hebräerbrief
und dem Paul Gerhardt-Morgenlied „Die güldne Sonne“.

Hebräer 4, 14-16:
Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht wor-den ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns freimütig hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf dass wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden und so Hilfe erfahren zur rechten Zeit.

Worauf kann ich mich verlassen? Was gilt am Abend und am Morgen, wenn mich dazwischen Schicksalsschläge heimsuchen? Was trägt mich durch Verzweiflung hindurch, wenn Leib und Seele verwundet sind?

Wenn wir uns unter normalen Bedingungen in der Kirche versammeln, erhoffen wir uns auf solche Fragen Antworten von Gott. Auch beim Besuch einer Passionsandacht ahnen wir, dass in der Passion, im Geheimnis des Leidens Christi, mehr steckt als nur eine ferne Erinnerung.

Der bekannte Dichter Paul Gerhardt findet eine Antwort auf solche Fragen. Es ist keine selbstverständliche Antwort, wenn man sein Leben ein bisschen kennt:
1. Die güldne Sonne voll Freud und Wonne bringt unsern Grenzen mit ihrem Glänzen ein herzerquickendes, liebliches Licht. Mein Haupt und Glieder, die lagen darnieder; aber nun steh ich, bin munter und fröhlich, schaue den Himmel mit meinem Gesicht.
4. Abend und Morgen sind seine Sorgen; segnen und mehren, Unglück verwehren sind seine Werke und Taten allein. Wenn wir uns legen, so ist er zugegen; wenn wir aufstehen, so lässt er aufgehen über uns seiner Barmherzigkeit Schein.
8. Alles vergehet, Gott aber stehet ohn alles Wanken; seine Gedanken, sein Wort und Wille hat ewigen Grund. Sein Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden, heilen im Herzen die tödlichen Schmerzen, halten uns zeitlich und ewig gesund.
12. Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende; nach Meeresbrausen und Windessausen leuchtet der Sonnen gewünschtes Gesicht. Freude die Fülle und selige Stille wird mich erwarten im himmlischen Garten; dahin sind meine Gedanken gericht‘.

Es ist ein ungewöhnliches Lied für eine Passionsandacht. Für viele Christ*innen ist „Die güldne Sonne“ nur ein wunderbares Morgenlied. Aber welche Sonne Paul Gerhardt wirklich meint, das erschließt sich erst in der letzten Strophe. Zwischen der ersten und letzten Strophe ist ein Leidens-weg angedeutet – zwar durchdrungen von der Gewissheit auf Gottes Hilfe, aber alles, was Menschen an Problemen und tiefstem Leid erfahren können, ist angesprochen.

Paul Gerhardt ist 59 Jahre alt, als er diese Zeilen schreibt. Vier eigene Kinder hat er beerdigt, bevor sie zwei Jahre alt waren. Seine Frau ist oft sehr krank. Als Dichter und erster Pfarrer in der Nicolai-Kirche Berlin ist er zwar recht bekannt. Trotzdem wurde er 1666, in dem Jahr, als das Lied entstand, arbeitslos. Man hat ihn seines Amtes enthoben, weil er keinerlei Kompromisse in der Glaubenslehre machen wollte.

Wo sieht Paul Gerhardt in dieser Krisenzeit die Barmherzigkeit Gottes? Wie kann er davon singen, dass Gott segnet und Unglück verwehrt? Verdrängt der Dichter alle Fragen einfach nur?

Nein, er verdrängt nicht. Er findet sogar sehr deutliche Worte: „Alles vergeht“ beginnt er die achte Strophe seines Liedes und schreibt einige Zeilen später: „… im Herzen die tödlichen Schmerzen“. Für ihn sind Vergänglichkeit und seelisches Leiden nichts, was er allen tragen muss. Für ihn ist wichtig, dass Jesus das auch erlebt hat – und durchgestanden hat. Jesus litt nicht nur körperlich auf seinem Weg ans Kreuz. Er litt auch seelisch, weil er von Menschen, die ihm wichtig waren, im Stich gelassen wurde.

Der Verfasser des Hebräerbriefes drückt das so aus: „Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit“.

In Jesus hat Gott selbst tödliche Schmerzen an Leib und Seele erlitten. Für Paul Gerhardt ist das ein wichtiger Glaubenssatz, den er in seinen Dichtungen in vielen Varianten neu formuliert. Darum ist er als Glaubender in seiner Verzweiflung nicht allein. Deshalb hat er Hoffnung auf Heilung, auf Gesundheit, die das Körperliche übersteigt und bis in die Ewigkeit reicht.

Paul Gerhardt kann uns heute ein Vorbild sein, wie wir mit den oben genannten schwierigen Fragen umgehen: Was gilt am Abend noch genauso wie am Morgen, wenn mich dazwischen Schicksals-schläge heimsuchen? Was trägt mich durch Verzweiflung hindurch, wenn Leib und Seele verwundet sind? Vielleicht hat er sich seine Lieder in schweren Zeiten selber zugesungen? Die Gewissheit, die ihm zu manchen Zeiten auch verloren gegangen sein mag, hat er sich dichtend von Gott erfleht. Seine „tödlichen Schmerzen“ hat er sich lindern lassen, indem er sich immer wieder daran festhielt: Gottes Heil und Gnaden, die nehmen nicht Schaden. Dafür ist Jesus in seinem Leiden eingestanden. Aber Kreuz und Elende, das nimmt ein Ende. So schreibt er es in seiner letzten Strophe. Und wenn er es auch manchmal mit der Vernunft nicht glauben konnte – gesungen hat er es trotzdem.

Sein Lied lädt uns heute ein, es ihm gleich zu tun: Bringen wir Gott singend unsere „tödlichen Schmerzen“ und lassen wir uns durch Paul Gerhardts Worte in der letzten Strophe eine ganz andere Sonne, die Sonne der Ewigkeit, aufleuchten.

Gebet

Herr Jesus Christus, du sprichst: Euer Licht soll aufgehen vor den Menschen! (Mt 5,16)
Hab Dank dafür: Du machst uns Mut und gibst uns die Kraft, in Gottes Namen einzutreten für alle, die im Schatten leben, und Licht in ihr Leben zu bringen.
Das Licht der Freude und Hoffnung, das Licht der Achtung und der Würde und der Menschlichkeit.
Dazu helfe uns Gott!
Amen.