An(ge)dacht zum 7.2.2021

zu Prediger 3

Alles hat seine Zeit!

Ich weiß nicht, wie es Ihnen und Euch geht, aber ich habe die Corona Zeit so satt! Ich habe die Nase voll von all den Einschränkungen, ich habe es satt, nicht tun zu können, was ich möchte, frei und gelöst, ohne Angst vor Konsequenzen. Ich sehne das Ende der Corona Zeit herbei. Und wahrscheinlich geht es Ihnen und Euch ähnlich.

Alles hat seine Zeit, sagt der Prediger Salomo. Das heißt doch: Jede Zeit ist irgendwann zu Ende und wird durch eine andere neue Zeit abgelöst. Darauf hoffe ich gerade im Augenblick besonders. Die Zeit, die wir gerade erleben, mit all ihren Fragen und Herausforderungen, aber auch mit all ihrer Kreativität, die von uns gefordert ist wird irgendwann abgelöst durch eine neue andere Zeit mit neuen Herausforderungen, mit neuen Sorgen und mit neuen besonderen Momenten.

Alles hat seine Zeit, ja, diese Erfahrung haben wir gemacht. Und wenn ich auf mein Leben zurückblicke, dann entdecke ich, wie eine Zeit die andere abgelöst hat, wie es immer weiter ging. Der Prediger Salomo hat ja ein menschliches Leben im Blick, wenn er von Geboren werden und Sterben, vom Abbrechen und Bauen, vom Pflanzen und Ausreißen, spricht. Und mir kommen Bilder vor Augen, wie meine Geschwister geboren wurden und meine Großeltern starben, wie meine Eltern ihr Haus bauten und mein Vater im neu angelegten Garten stand und versuchte, dem Chaos dort Herr zu werden.

Wenn der Prediger Salomo Weinen und Lachen, Klagen und Tanzen, Schweigen und Reden aufzählt, dann spüre ich, wie auch das zu meinem Leben gehört. Wie oft habe ich gelacht? Was gab es Fröhliches und Heiteres im Leben? Bei welchen Witzen hätte ich mich kugeln können, bei welchen Begegnungen habe ich herzlich gelacht? Aber ich habe auch geweint, geweint, weil ich liebe Menschen hergeben musste, weil Sorgen zu groß waren, weil Dinge misslangen, weil ich wütend war oder weil Lebensträume platzten und Lebensplanungen zerbrachen.

Klagen und tanzen, schweigen und reden, nennt der Prediger in einem Atemzug. Tanzen Sie gerne, habt Ihr gerne getanzt? Zu welchen Anlässen wurde das Tanzbein geschwungen? Und dann wurde sicherlich auch gelacht.

Wie viele Menschen sind uns begegnet? Menschen, die uns wichtig waren, denen wir vertrauten, die wir liebten. Aber auch Menschen, die uns unsympathisch waren, denen wir aus dem Weg gegangen sind, mit denen wir gestritten haben, ja, denen wir gegenüber vielleicht sogar Hass empfunden haben. Wie sehr haben wir uns dann manchmal nach Frieden gesehnt?

Wann und wozu haben wir geschwiegen und warum haben wir manchmal den Mund nicht halten können?

Alles hat seine Zeit, sagt der Prediger und ich merke: Mein Leben war in Vielem reich und schön, aber ich sehe auch die Versäumnisse, das Misslungene. All das gehört zu einem Leben dazu und ich höre aus dem, was der Prediger sagt, dass Gott die Zeiten meines Lebens und alles, was darin geschieht, festlegt. Nichts ist möglich, ohne Gott, er setzt Anfang und Ende und füllt die Zeit eines Lebens. Ja, er hat sogar die Ewigkeit in des Menschen Herz gelegt. Der Mensch ahnt etwas von der Unendlichkeit der Zeit. Das, was Gott in dieser unendlichen Zeit tut, kann der Mensch nicht ergründen. Er sieht immer nur einen kleinen Ausschnitt, aber Anfang und Ende, das große Ganze sozusagen, bleiben ihm verborgen.

Doch Gott hat geschenkt, dass ich über die Zeit, die uns gegeben ist, über Vergangenheit und Zukunft, über Anfang und Ende nachdenken muss. Ich will verstehen. Und doch erkenne ich auch, wie schwierig es ist, Gottes Handeln und seine Größe zu ergründen oder gar begreifen zu wollen. Mit dem Prediger muss ich feststellen: Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon. Es übersteigt jegliches menschliche Denken und es ist extrem anstrengend, Gott und sein Tun ergründen zu wollen, weil es weit über den menschlichen Verstand hinausgeht. Der Prediger spricht davon, wie mühsam das ist, ja, dass es geradezu eine Plage ist.

Es läuft darauf hinaus, dass Gott für alles auf der Welt schon lange die rechte Zeit bestimmt hat. Das könnte Angst auslösen, weil es danach aussieht, als könnten wir gar nichts mehr von uns aus tun. Aber das ist nicht gemeint. Das, was in meinem Leben geschieht, hat Gott geplant, aber wie ich mit dem, was mir begegnet, umgehe, ob ich die Dinge annehme, ob ich mich darauf einlasse oder nicht, das entscheide ich selber. Ob ich darauf vertraue, dass Gott das Richtige für mich weiß oder, ob ich alles von mir schiebe, auch das ist meine Entscheidung.

Der Prediger tröstet und ermutigt, wenn er sagt: Gott hat alles gut gemacht. Und ich erinnere mich an die Schöpfungsgeschichte, in der es ja auch heißt: „Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut.“ Und ich muss zustimmen: Ja, Gott macht es gut. Selbst, wenn ich in einer misslichen Lage war, konnte ich doch manchmal im Nachhinein erkennen, dass es so, wie es gewesen ist, für mich richtig war. Natürlich kann ich das nicht für alle Situationen meines Lebens sagen, denn, warum Gott etwas zulässt oder etwas verhindert, bleibt letztlich offen und unausforschlich. Wenn ich das Warum auch nicht begreife, hat Gott doch in mein Herz gelegt, nach Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, nach dem, was Gott tut oder lässt, zu fragen und darüber nachzudenken. Daran kann ich die Größe Gottes ermessen und darauf vertrauen, dass Gott alles so gemacht hat, dass es schön ist zu seiner Zeit.

Das gibt Gelassenheit und der Prediger schließt daraus, dass es für uns Menschen kein größeres Glück gibt, als sich zu freuen und es sich gut gehen zu lassen. Wir Menschen sollen genießen, was Gott uns täglich an Schönem gibt und darin die Güte Gottes erkennen, wenn er sagt: Da merkte ich, dass es nichts Besseres dabei gibt als fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben. Denn ein Mensch, der da isst und trinkt und hat guten Mut bei all seinem Mühen, das ist eine Gabe Gottes.

Das klingt verlockend und einfach. „Iss und trink und hab guten Muts“. Muss da nicht mehr sein? frage ich mich. Und ich spüre, es gibt mehr als Genuss und Freude, aber auch mehr als den Kampf um das tägliche Einerlei. Da ist aber auch mehr als die Sorge darum, wie übersteh ich die Pandemie, wie werde ich mit ihr fertig? Wann hat diese Zeit ein Ende?

Wieder drängt sich die Frage nach dem „Warum“ auf. Welcher Sinn steckt dahinter? Warum lässt Gott dies oder das in meinem Leben zu? Warum musste ich diese Krankheit ertragen, warum lässt Gott Leid zu? Und wieder stehe ich in einer Sackgasse, denn ich weiß es einfach nicht. Aber ich kann auch anders fragen: Warum bin ich in meinem Leben wunderbar geführt worden? Warum durfte ich unbeschadet an Leib und Seele aus manchen Nöten und Belastungen herausgehen? Warum hat sich eine unerträgliche Situation zum Guten gewendet? Gott hat damit zu tun, das ist Gottes Geschenk. All das gehört zu seinem Plan mit mir und seiner Schöpfung.

Und wieder merke ich, wie wenig ich Gott kenne oder gar erfassen kann. Ich werde hier auf der Erde niemals die Größe Gottes, sein Wirken und Handeln oder gar Anfang und Ende oder die Ewigkeit begreifen können. Warum Gott Glück und Schmerz, Gelassenheit und Sorge, Leben und Tod zulässt, bleibt verborgen.

Das lässt mich ehrfürchtig sein, aber nicht resignieren. Meine Erfahrungen mit Gott machen mich gewiss, dass nicht nur alles eine von Gott bestimmte Zeit hat, sondern dass diese Zeit von Gott bewahrte Zeit ist. Meine Zeit steht in deinen Händen, so haben wir im Psalm gebetet. Der Psalmbeter weiß: Gott hält die Zeit eines Menschen, alles, was in einem Leben geschieht, in seinen Händen. Und auch ich habe in meinem Leben gespürt: Ich hätte manches nicht überstanden, wenn ich meinen Glauben nicht gehabt hätte. Das heißt doch, in allen Zeiten des Lebens ist Gott da und ganz nah. Gott gibt Gelungenes und froh Machendes, er gibt Trost und Sicherheit. Ja, er lässt auch schwere Zeiten zu, Krieg und Streit, Angst und Ungewissheit, Krankheit und Tod. Gott lässt zu, dass wir Menschen leiden, er verhindert nicht, dass wir an Grenzen geführt werden und doch ist Gott ja immer da. Auch schwierige Zeiten sind in seinen Händen. Gott hält mich, er führt mich hindurch in eine andere neue Zeit, die er schon gefüllt hat. Was die Zeit auch bringen mag, Gutes oder Schweres, Frohes oder Trauriges, Glück oder Schuld, alles liegt in Gottes Hand und ist aufgehoben bei ihm.

Darauf will ich vertrauen. Das macht mich zuversichtlich und tröstet mich. Gott hält mich, bei Gott bin geborgen, ich bin geliebt. Trotz aller Durststrecken in meinem Leben, trotz all der Dinge, die ich nicht verstehen und ergründen kann, bin ich gewiss, dass es nicht der Zufall ist, der mir weiter hilft, sondern dass Gott da ist und hilft.

Das heißt doch: Es gibt immer eine Perspektive, denn auch meine Zukunft liegt in Gottes Hand. Ich darf mich ganz und gar darauf verlassen, dass Gott gut für mich und meine Zukunft sorgt. Wenn Gott alles gut macht, dann auch meine Zukunft. Ich finde, dass ist eine zwingende Konsequenz.

So kann ich mein Leben annehmen. Ich darf und kann ruhen lassen, was nicht zu ändern ist. Ich kann annehmen und dazu stehen, was in meinem Leben schwierig ist. Ich kann mich freuen an dem, was gelungen ist und mich gerne daran erinnern, was es Schönes und Beglückendes gegeben hat. Immer weiß ich: Alles hat und hatte seine Zeit und Gott füllt diese Zeiten, die Zeit, die schon hinter mir liegt, die Zeit, in der ich jetzt lebe und auch die Zeit, die noch vor mir liegt. Und gleichgültig, wie es weitergeht, ich will darauf vertrauen, dass Gott mich behütet. Amen.

Eine hoffnungsvolle Zeit wünscht Ihnen
Ihre Pastorin
           Annette Beer

(Abbildung: Uhr an der Kanzel in der Herforder Münsterkirche)