An(ge)dacht am Sonntag Estomihi, den 14. Februar 2021

von Pfarrer Andreas Smidt-Schellong

Liebe Gemeinde!

Der Prophet Amos ist bekannt für seine scharfe, deutliche Sozialkritik. Er hat den Mut den Finger in die Wunde zu legen und seine Widersacher zu konfrontieren. So auch in dem Abschnitt, den wir heute als Text haben. Amos kritisiert die Missstände im Tempel, wie fromm und ergeben dort zwar Gottesdienst gefeiert wird, aber dass dies keine Auswirkungen im sozialen Miteinander hat und für den Alltag.

Amos 5, Verse 21-24:
Gott spricht:  Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen. Und wenn ihr mir auch Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich kein Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!
Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

Drastisch beschreibt Amos Gottes Missfallen an der Gottesdienst- und Kultpraxis im Tempel seiner Zeit. Die kritisierten Missstände lassen sich hier und aus dem Zusammenhang des Prophetenbuches erschließen. Dem beklagenswerten Ist-Zustand wird im letzten Vers die Vision des ersehnten Wunschzustands entgegengesetzt: „Recht ströme wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.“

Ähnlich wie die Spaltung Deutschlands in zwei Staaten zur Zeit der Mauer war das Volk Israel im 8. Jahrhundert v. Chr. zweigeteilt. Da gab es das Südreich Juda mit seiner Hauptstadt Jerusalem und dem Tempel darin. Und da gab es das Nordreich Israel mit der Hauptstadt Samaria. Auf diesen Staat lassen Sie uns nun unser Augenmerk richten.

Die Bürger des Nordreichs erlebten damals eine wirtschaftliche Blüte. Clevere Geschäftsleute bringen es in der Landwirtschaft zu Großgrundbesitz und im Handel zu ansehnlichem Vermögen. Die Frauen der High Society profitieren auf ihre Weise von der Hochkonjunktur: Amos beschreibt, wie sie im Luxus schwelgen. Ihre Männer versuchen am Rande der Legalität und jenseits davon das Wachstum ihres Wohlstandes zu beschleunigen. Kaufleute fälschen Gewichte für Münzen und versagen Angestellten ihren gerechten Lohn. Durch Bestechung erkaufen sich die Reichen bald eine Lobby unter den Beamten Israels, die sich dem allgemeinen Trend anpassen, um ihrerseits ein Stück vom großen Kuchen abzubekommen. Zur Tradition Israels gehörte Gott zu verehren, und dabei ließ man sich nicht lumpen. Es gab ein reichhaltiges Kirchenjahr mit vielen Festen und Versammlungen, zu denen die Menschen von weit her gepilgert kamen, mit feierlichen Tieropfern und mit bezahlten Berufsmusikern, die die Musik machten. Man meinte, wenn man auf diese Weise die kultischen Gebote erfüllten, dann würde Gott ihr Wohlleben selbstverständlich segnen und das eine oder andere nicht ganz legale Geschäft gnädig übersehen. Die Priester, die dort arbeiteten, gingen im Opfer-, Feier- und Musikbetrieb voll auf und gehörten als königliche Beamte selbst zur Oberschicht.

In diese Situation kommt Amos als Störenfried und mischt das bunte Treiben auf. Er sagt im Namen Gottes: „Ich bin euren Feiertagen gram und verachte sie und mag eure Versammlungen nicht riechen.“ Er sieht ihre Spenden- und Opferfreudigkeit und sagt im Namen Gottes: „Und wenn ihr mir noch so viele Brandopfer und Speisopfer opfert, so habe ich keinen Gefallen daran und mag auch eure fetten Dankopfer nicht ansehen. (…) Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören!“ Was für ein Störenfried!

Amos kritisiert nicht den Gottesdienst an sich! In seinen Augen ist es gut ihn regelmäßig im Tempel zu feiern und Gott durch die Psalmgesänge und kultischen Rituale zu loben.

Was diesen Kult an diesen Orten aber falsch macht, ist die Tatsache, dass zur gleichen Zeit in Israel Menschen um ihr Land gebracht werden; dass Kleinbauern und ihre Familien um des Profits neuer Wirtschaftsformen willen ihren Lebensunterhalt verlieren und in Schuldknechtschaft geraten und dass das weithin legal geschieht.

Was legal ist, ist nicht darum auch schon legitim! Also nicht den Kult an sich kritisiert Amos in unerbittlicher Schärfe, sondern einen Kult, der in völligem Widerspruch zu dem steht, was er sein soll und will. Nicht Recht und Gerechtigkeit statt Kult und Lieder, sondern Kult und Lieder im Einklang mit Recht und Gerechtigkeit: Das ist das Ziel von Amos‘ Kritik. Denen, die Gerechtigkeit mit Füßen treten, will Gott nicht nahe sein. Hier wird Gott gefeiert, als ob das Gottesverhältnis intakt wäre, aber man merkt nicht, dass Gott bei der Feier gar nicht anwesend ist.

Recht und Gerechtigkeit kommen hier als eine von Gott herkommende, herbeiströmende, sich heranwälzende „Vor-Gabe“. Gott gibt diese Gabe, er schenkt den Menschen diese Gabe, die ihnen dann zur Aufgabe wird.

Wo das Gotteslob nicht zur Folge hat, dass der bedürftige Nächste ins Blickfeld des Handelns gerät, da werden Lieder für Gott zum Geplärr. Wo im Gottesdienst „Lass uns den Weg der Gerechtigkeit gehn…“ gesungen wird, das gesungene Gebet aber ohne Folgen im Alltag bleibt, gilt auch heute: „Ich (Gott) höre es mir nicht an.“ (V 23)

Wo liturgisch korrekte Gottesdienste gefeiert werden, in denen es nur um das persönliche Seelenheil geht und die „weltliche“ Not der Menschen außen vor bleibt, fordert Gott: „Möge das Recht heranrollen wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein Fluss, der nicht versiegt.“ (V 24, Zürcher Bibel)

Wie sich Israel in Zeiten der Dürre sehnt nach den wieder heranrollenden Wassern, die blühende Vegetation und Fruchtbarkeit bringen und damit das Überleben garantieren, so sehnt sich Gott nach Recht und Gerechtigkeit, damit sein Volk (weiter)leben kann. „Sucht das Gute und nicht das Böse, damit ihr am Leben bleibt!“ (Amos 5,14) So wie ohne Wasser kein physisches Überleben möglich ist, so ist ohne Gerechtigkeit kein gutes und Gott wohlgefälliges Leben möglich.

Wo der Gottesdienst jedoch ohne Verbindlichkeit für das Alltagsleben ist, da verliert er seine Bedeutung. Eine Messlatte dafür ist in der Bibel das Wohlergehen z.B. von Witwen und Waisen. Sie waren die Ärmsten und Rechtlosesten im damaligen System. Wenn es ihnen schlecht ging, dann war das soziale Gefüge aus dem Gleichgewicht geraten.

Auch heute gibt es viele Menschen, die unter jeweiligen Umständen leiden. Ihnen sollten wir in unseren Gottesdiensten eine Stimme geben. Nicht nur im Fürbittengebet. Unsere Gottesdienste sollen im Einklang stehen mit dem, was wir tun. So gehören Sonntag und Alltag zusammen.

So kommen wir der wunderbaren Verheißung ein Stück näher: Das Recht ströme wie Wasser und Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach!

Amen.

Ich wünsche Ihnen alles Gute für diese Zeit!

Ihr Andreas Smidt-Schellong