An(ge)dacht zum 3. Sonntag nach Epiphanias am 24.1.2021

Wie schön leuchtet der Morgenstern

Gottesdienst aus der Münsterkirche in Herford in der Epiphaniaszeit 2021

mit einer Liedpredigt zu EG 70
von Pfrn. Dr. Gabi Kern, Ev.-Luth. Kirchengemeinde Herford-Mitte

Liebe Gemeinde,

der am Nachthimmel hell leuchtende Morgenstern, die Venus, ist seit jeher ein Zeichen für das nahende Ende der Nacht und den baldigen Anbruch eines neuen Tages. Gleich drei Mal ist im Neuen Testament darum auch vom „Morgenstern“ die Rede – als Bild für den in Macht und Herrlichkeit wiederkommenden Christus.

Das erste Mal begegnet uns das Bild vom Morgenstern im 2. Petrusbrief. Dort geht es darum, wie wir auch in dunklen Zeiten Orientierung für unser Leben gewinnen können. Dazu benötigen wir ein Licht, das uns verlässlich den Weg weist. So lesen wir in Kapitel 1, Vers 19:„Um so fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.“

Im Buch der Offenbarung, Kapitel 2, Vers 28 weist der Morgenstern wohl auf die Herrschaft hin, die der Christ zusammen mit Christus am Ende der Zeiten ausüben wird, wenn es dort heißt: „Wer überwindet und hält meine Werke bis ans Ende, dem will ich Macht geben über die Heiden; und ich will ihm geben den Morgenstern.“

Und ganz am Ende der Bibel, in einem der letzten Verse des Buches der Offenbarung, in Kapitel 22, Vers 16 sagt der auferstandene und wiederkommende Christus schließlich selbst von sich:„Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, (ich bin) der helle Morgenstern.“

Ein Vers, der den Pfarrer und Liederdichter Philipp Nicolai Ende des 16. Jahrhunderts zu einem der wohl schönsten Choräle inspiriert hat, die unser Evangelisches Gesangbuch zu bieten hat: „Wie schön leuchtet der Morgenstern“ (EG 70).„Ein geistlich Brautlied der gläubigen Seelen von Jesu Christo ihrem himmlischen Bräutigam – gestellt über den 45. Psalm des Propheten Davids“ – so hat Philipp Nicolai, Dichter und Komponist dieses Chorals, sein Werk in der Erstausgabe von 1599 überschrieben. Als „ein geistlich Brautlied der gläubigen Seelen von Jesu Christo ihrem himmlischen Bräutigam“ wollte er es verstanden wissen. Innerlicher, intimer, glückseliger geht es nicht.

Dabei war die Zeit, in der dieses Liedentstanden ist, alles andere als „rosig“ und nach einer feierlich-fröhlichen Feststimmung, nach einer Hochzeit, gar nach einer Hoch-Zeit, von der der Choral singt, war damals um die Wende vom 16. zum 17. Jahrhundert wohl kaum jemandem zumute.

Nur zwei Jahre zuvor, im Jahr 1597, hatte im westfälischen Unna, nur rund 100 km von hier entfernt, die Pest gewütet. Innerhalb von 7 Monaten wurden allein in Unna rund 1.400 Menschen innerhalb kürzester Zeit hinweggerafft, fast ein Drittel der damaligen Bevölkerung.

Philipp Nicolai, der in jener Zeit lutherischer Pfarrer in Unna war, sah sich als Seelsorger mit dem schier grenzenlosen Ausmaß der Not und Verzweiflung seiner Mitbürger Tag für Tag aufs Neue konfrontiert. Es gab Tage, so lesen wir bei ihm, wo bis zu 30 Tote auf dem Kirchhof begraben werden mussten, dazu die permanente Angst und Sorge um die Menschen, die einem nahestehen und nicht zuletzt um das eigene Leben – was macht das mit einem Menschen? Was macht die derzeitige Pandemie mit uns?

Im Vorwort seines Traktats „Freudenspiegel zum ewigen Leben“, den Nicolai ebenfalls 1599 kurz nach der Pestepidemie in Unna verfasste, schreibt er rückblickend:
„In solchem Jammer und Elend, als es hier zu Unna in allen Gassen rumorte und oftmals etliche Tage hintereinander über die zwanzig, jetzt vier, sieben, dann acht oder neun und zwanzig und bis in die dreißig Todte nicht weit von meiner Wohnung auf dem Kirchhofe unter die Erde verscharret, worden –: habe ich mit Todesgedanken mich immer schlagen müssen …

Es überfiel die Pest mit ihrem Sturm und Wüthen die Stadt wie ein unvorhergesehener Platzregen und Ungewitter, ließ bald kein Haus unbeschädigt, brach endlich auch zu meiner Wohnung herein, und gingen die Leute meistentheils mit verzagtem Gemüthe und erschrockenem Herzen als erstarret und halb todt daher …“

Auch an anderen Orten, so weiß Nicolai zu berichten, treibt die Pest ihr Unwesen:
„Zu Lübeck, Hamburg, Lüneburg, Hildesheim, Göttingen, desgleichen in Niederhessen, und in der Grafschaft Waldeck, meinem lieben Vaterland: zu Corbach, Wildungen und Mengering-hausen fehlete es auch nicht. Und was einer an solchen Orten hin und wieder von Freunden und Bekannten hatte, davon hörete er fast nichts denn von ihren Krankheiten und tödtlichem Abschied von diesem Leben. Wie denn auch mir eitel traurige Zeitungen und traurige Botschaft zu Ohren kamen von etlichen meiner Schwestern, Blutsfreunden und Schwägern, durch die Pest erwürget und hingerissen – welches mir meine Bekümmerniß vermehrte und so viel mehr Anlaß gab, all mein Herz und Gedanken von der Welt abzuwenden.“

Liebe Gemeinde,

Philipp Nicolai, Kupferstich

da ist einer bereit, diese Welt aufzugeben. Dabei war Philipp Nicolai in den Jahren zuvor in der Öffent-lichkeit als ein beherzter und streitbarer Theologe im Kampf um die rechte lutherische Lehre in Erscheinung getreten. Manchen galt er gar als ein theologischer Haudegen, der gern derb und kräftig austeilte. Und nun? Wer war dieser Philipp Nicolai?

Geboren 1556 im hessischen Mengeringhausen in der Grafschaft Waldeck wuchs Philipp Nicolai – zehn Jahre nach Martin Luthers Tod – in einer Zeit der immer heftiger werdenden konfessionellen Auseinandersetzungen auf. Sein Vater, selbst ein evangelischer Pfarrer, bestimmte ihn und seine beiden älteren Brüder zu Predigern der lutherischen Lehre. Nach dem Theologiestudium in Erfurt und Wittenberg wird Philipp Nicolai als Pfarrer nach Herdecke an der Ruhr berufen, wo sein Vater 33 Jahre zuvor von den Katholiken vertrieben worden war, nachdem dieser das Abendmahl mit seiner Gemeinde auf evangelische Art gefeiert hatte, nämlich mit Brot und Wein. Als 1586 im Zuge der Gegenreformation die spanischen katholischen Söldnertruppen von den Niederlanden aus in Westfalen einfallen, wird Philipp Nicolai aus Herdecke vertrieben. Sein Weg führte ihn zunächst nach Köln, wo er zwei Jahre lang als Prediger der lutherischen Untergrundgemeinde wirkt. Von dort beruft ihn die verwitwete Gräfin Margaretha von Waldeck auf die Pfarrstelle in Wildungen und bestimmt ihn 1588 als Hofprediger und als Erzieher ihres Sohnes.1596 wird Philipp Nicolai vom Stadtrat nach Unna in Westfalen berufen. Hier macht die katholische Kirche ihr Anrecht auf die Stadt geltend, während Lutheraner und Reformierte um die geistliche Vorherrschaft kämpfen.

War Nicolais Leben also bis dahin vor allem durch die unerbittlichen Grabenkämpfe zum einen mit der römisch-katholischen Kirche, zum anderen mit der reformiert-calvinistischen Lehre geprägt gewesen, so kommt zum Kirchenstreit und zur allgemeinen Kriegsnot jener Jahre in dieser Zeit noch ein Weiteres hinzu: eine tödliche Krankheit, hoch ansteckend und deshalb von allen gefürchtet: die Pest. Und mit der Pest die Erkenntnis: Vor dem Tod und vor Gott sind wir letztlich alle gleich. Weder ein Bakterium noch ein Virus machen zwischen uns Menschen einen Unterschied. An die Stelle des bisherigen erbitterten Streitens über Gott tritt für Nicolai zunehmend eine immer tiefer empfundene Innerlichkeit, ein sich immer tieferes Versenken der Seelein ein Zwiegespräch mit Gott, bis hin zu einer als mystisch zu bezeichnenden Frömmigkeit.

Aus dem bereits zitierten Vorwort hören wir weiter:
„Da war mir nichts Süßeres, nichts Lieberes und nichts Angenehmeres, als die Betrachtung des edlen hohen Artikels vom ewigen Leben, durch Christi Blut erworben. Ließ denselben Tag und Nacht in meinem Herzen wallen und durchforschte die Schrift, was sie hiervon zeugte…“

Als Ergebnis dieses betenden Meditierens über der Schrift entstand der Traktat „Freudenspiegel des ewigen Lebens“, in dessen Anhang Philipp Nicolai drei von ihm selbst gedichtete und komponierte Lieder beifügte. Zwei von ihnen werden bis auf den heutigen Tag gesungen: „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ und eben dies: „Wie schön leuchtet der Morgenstern“. Und nur als Fußnote der Geschichte: Gibt es einen schöneren Beweis für die versöhnende Kraft der Musik, als dass beide Lieder Nicolais heute sowohl in unserem Evangelischen Gesangbuch (EG 70; 147) als auch im Gotteslob (GL 357; 554) unserer katholischen Brüder und Schwestern vertreten sind?

Wir hören die ersten beiden Strophen aus dem Choral: „Wie schön leuchtet der Morgenstern.“
EG 70,1-2

Liebe Gemeinde,

was Philipp Nicolai hier gedichtet und mit einer einzigartigen Melodie versehen hat, ist alles andere als aggressiv und kämpferisch. Hier ist jemand verliebt – verliebt in Christus. Und diese Verliebtheit wird nicht müde, sich in immer neuen Bildern und Namen für den Geliebten zu artikulieren, so dass wir es in diesem Lied geradezu mit einer Artinnerlich-mystischem, dabei aber durch und durch biblisch begründetem Christusmosaik zu tun bekommen.

Jede der sieben Strophen des Chorals ist nach einem konsequenten Schema geformt: Auf die Darstellung eines bestimmten Bildes in den jeweils ersten sechs Zeilen jeder Strophe folgt in den nachfolgenden Zeilen wie ein liebliches Echo die sehnsüchtige Antwort der gläubigen Seele. Die Braut reagiert hier zärtlich auf ihren Bräutigam. Die erste Strophe nimmt dabei mit dem Bild des Morgensterns zunächst einmal ein Motiv auf, das – wie wir gehört haben – dem Buch der Offenbarung entnommen ist, wo Jesus Christus selbst von sich sagt:„Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der glänzende Morgenstern.“ (Offb 22,16)

Wie schön leuchtet dieser Morgenstern und wie „süß“, wie heilbringend ist diese Wurzel Jesse. „Jesse“, das ist „Isai“, der Vater König Davids. Und als ob dieser Bogen von „Isai“ zu Jesus Christus, dem „Sohn Davids“ noch nicht weit genug gespannt wäre, so greift der Liederdichter – wie der Evangelist Matthäus in seinem Stammbaum Jesu – noch weiter zurück bis an die Anfänge der Geschichte Israels mit dem Stammvater Jakob: „du Sohn Davids, aus Jakobs Stamm“. Die ganze Bibel, ja die ganze Geschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk verdichtet sich hier in drei Stationen von Jakob (aus dem 1. Buch Mose) über König David bis hin zum Morgenstern im Buch der Offenbarung. Sie verdichtet sich für die gläubige, für die verliebte Seele in Jesus Christus, von dem der Hebräerbriefbezeugt: Er ist derselbe gestern und heute und in Ewigkeit (Hebr 13,8).

Musikalisch untermalt wird dieses Bekenntnis durch den Gebrauch des 5. Psalmtons, nach dessen Melodiemodell Philipp Nicolai sein Lied komponiert hat. Ein Psalmton, der besonders mit den beiden Christusfesten Weihnachten und Ostern verbunden ist.

Bedeutung bekommen all diese theologischen Richtigkeiten aber erst in der persönlichen Aneignung, in der persönlichen Beziehung der gläubigen Seele zu Christus: „mein König“ und „mein Bräutigam“.„Du hast mir mein Herz besessen.“Das Innerste der Person ist ganz und gar von Christus ergriffen, in Liebe entbrannt wie eine Braut für ihren Mann.

Ja, die zweite Strophe geht sogar noch darüber hinaus. Christus stärkt uns – und das ist bei Philipp Nicolai ganz real und materialiter gemeint – durch sein Wort und Sakrament auch von innen heraus: Mein Herz heißt dich ein Himmelsblum; dein süßes Evangelium ist lauter Milch und Honig. Ei mein Blümlein, Hosianna! Himmlisch Manna, das wir essen, deiner kann ich nicht vergessen.

Eine Dichtung voll von biblischen Bildern. An die Stelle Kanaans, das den Israeliten von Gott verheißene Land, in dem Milch und Honig fließen, tritt hier die Kunde, das Evangelium von Jesus Christus. Und das himmlische Manna, mit dem die Israeliten ihre 40 Jahre dauernde Wüstenzeit überstehen konnten, wird hier zum Bild für Christus selbst. Mit Christus, dem Brot des Lebens, das wir im Sakrament des Heiligen Abendmahls zu uns nehmen, ja, so würde Nicolai sagen, uns geradezu körperlich einverleiben, stehen auch wir die harten Zeiten in unseren Lebenswüsten durch. Wie sollten wir da Seiner vergessen können?

EG 70,3-5

Die Sehnsucht nach dem Einswerden mit Christus durchzieht auch diese Strophen, allerdings in umgekehrter Richtung. Ging es in der zweiten Strophe noch darum, dass der Mensch durch die Teilnahme am Abendmahl Christi Leib und Blut gleichsam in sich aufnimmt, so geht es in der dritten Strophe um das Aufgehen der gläubigen Seele in Christus:

dass ich, o Herr, ein Gliedmaß bleib
an deinem auserwählten Leib,
ein Zweig an deinem Stamme.

Der Originalwortlaut der ursprünglichen Fassung sagt es sogar noch deutlicher:

Geuss sehr tief in mein Herz hinein,
du heller Jaspis und Rubin,
die Flamme deiner Liebe,
und erfreu mich, dass ich doch bleib
an deinem auserwählten Leib
ein lebendige Rippe.

Nach nichts weniger sehnt sich die gläubige Seele als nach dem Urzustand zu Anbeginn der Schöpfung. Nichts, rein gar nichts mehr soll sie von Christus trennen. Für immer eins. Eine Ahnung, einen Vorgeschmack davon bekommt der Mensch im Abendmahl, von dem noch einmal in der 4. Strophe, und damit im Zentrum des Liedes die Rede ist.

Herr Jesu, du mein trautes Gut,
dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut
mich innerlich erquicken.
Nimm mich freundlich
in dein Arme und erbarme dich in Gnaden;
auf dein Wort komm ich geladen.

Auch hier lohnt sich ein Blick auf den ursprünglichen Wortlaut:

Nimm mich freundlich in dein Arme,
dass ich warme werd von Gnaden:
auf dein Wort komm ich geladen.

Was für ein Bild: Mitten in der Todeswelt von Jesus Christus in die Arme genommen und gewärmt, getröstet zu werden. Wir können es auch mit andern uns vertrauten Bildern sagen. Im 91. Psalm heißt es: Du brauchst dich vor dem Schrecken der Nacht nicht zu fürchten noch vor dem Pfeil, der am Tag dahinfliegt, nicht vor der Pest, die im Finstern schleicht. Denn Er ist deine Zuflucht.

Wie sehr Philipp Nicolai von der mit Christus verbindenden Kraft des Heiligen Abendmahls überzeugt ist, verrät ein genauerer Blick auf das von ihm gewählte Strophenschema, eine originale Schöpfung Nicolais. Die Strophen gliedern sich in zwei mal zwei Achtsilber, gefolgt von einem Siebensilber, denen aufsteigend zwei Zweisilber, drei Viersilber und ein abschließender Achtsilber folgen. Spätere Interpreten haben mehrfach darauf hingewiesen, dass die Strophen im zentrierten Drucksatz das Bild eines Kelches ergeben:

Von Gott kommt mir ein Freudenschein,
wenn du mich mit den Augen dein
gar freundlich tust anblicken.
Herr Jesu, du mein trautes Gut,
dein Wort, dein Geist, dein Leib und Blut
mich innerlich erquicken.
Nimm mich
freundlich
in dein Arme
und erbarme
dich in Gnaden;
auf dein Wort komm ich geladen.

„Wahrlich, ich sage euch: Ich werde von nun an nicht mehr von diesem Gewächs des Weinstocks trinken bis an den Tag, an dem ich von neuem davon trinken werde mit euch in meines Vaters Reich“, so sprach Jesus bei der Einsetzung des Abendmahls im Kreise seiner Jünger am Abend vor seiner Hinrichtung. – Soll es da Zufall sein, dass Philipp Nicolai mit seinem liedgewordenen Abendmahlskelch hier ausgerechnet sieben Strophen anstimmt? Sieben, die Zahl der Heiligkeit und der Vollendung?

Herr Gott Vater, mein starker Held,
du hast mich ewig vor der Welt
in deinem Sohn geliebet
ewig soll mein Herz ihn loben.

Mit dem Aufruf zu Musik und Tanz, zu triumphalem Jubel sowie dem Ausblick auf die endzeitliche Vollendung findet Nicolais Brautlied in den Strophen 6 und 7 seinen Abschluss. Als ob er diesen Augenblick der Ewigkeit für immer festhalten wolle, ihm zurufen wolle: Verweile doch, du bist so schön!

Und ich kann ihn verstehen. Manchmal ist unsere Gegenwart mit ihrer zur Schau getragenen Vergänglichkeit ja wirklich einfach nur zum Davonlaufen oder eine Zeit, die bestenfalls irgendwie ausharrend und auf bessere Zeiten wartend überbrückt sein will. Auch wir könnten in diesen Tagen ein Lied davon singen.

Nicolais Absicht, so schreibt er, war es darum, dass die angefochtenen Seelen „sich dessen trösten und daher auch alle ihre Gedanken von der Welt ab zu Gott gen Himmel und nach dem ewigen Vaterland hinwenden mögen.“

Das will ich so stehen lassen, als Ort des inneren Rückzugs, des Trostes und der Stärkung. Der angefochtene Glaube braucht solche Orte und Zeiten. Der Zuflucht suchenden Seele einen solchen Ort zu bieten, darin liegt sicherlich eine große Stärke und ein Großteil der Wirkmächtigkeit dieses Chorals.

Und doch gehört für mich als gedankliche Fortsetzung, als Nachklang, als Postludium noch eine Strophe aus dem Morgensternlied von Jochen Klepper aus dem 20. Jh. hinzu. Ohne sie fiele es mir schwer, mich von diesem innigen Anblick, von diesem verheißenen Ausblick unserer christlichen Hoffnung zumindest so weit zu lösen, dass ich im Hier und Jetzt, auch im Dunkel der Nacht und wenn es sein muss auch in Angst und Pein voller Vertrauen den nächsten notwendigen Schritt tun kann. Und das muss ich doch. Denn noch leben wir im Glauben und nicht im Schauen. Darin unterscheidet sich unsere Frömmigkeit dann doch von der mystischen Frömmigkeit Nicolais.

In seinem bekannten Adventslied „Die Nacht ist vorgedrungen“ (EG 16) erdet Klepper darum das Bild vom Morgenstern in für mich ganz vorbildlicher Weise, indem er aus dem anbetend-verharrenden Aufblick einen gangbaren Weg im Lichte des Morgensterns bahnt. In der vierten Strophe heißt es:

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte, hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte kam euch die Rettung her.

Der Morgenstern, der Stern der Gotteshuld wandert mit uns durch die Zeiten. Jesus Christus, gestern, heute und derselbe auch in Ewigkeit ist bei uns alle Tage und Nächte unseres Lebens bis an der Welt Ende. Mögen wir darum auch nicht wissen, was auf uns zukommt, wir wissen, wer auf uns zukommt und wem wir, beglänzt von seinem Lichte, entgegengehen. Das genügt.

Amen.

EG 70,6-7

Aufnahme in der Herforder Münsterkirche Januar 2021

Orgel:                       KMD Stefan Kagl
Liturgie:                    Pfrn. Dr. Gabi Kern / KMD Stefan Kagl
Predigt:                     Pfrn. Dr. Gabi Kern
Sologesang:               Julia Borchert
Kamera / Schnitt:       Jochen Launer
Ton – Wortbeiträge:   Jochen Launer
Ton – Musik:             Benjamin Kagl

Kompositionen zum Lied „Wie schön leuchtet der Morgenstern“
Vorspiel zu Strophe 1-2:          KMD Stefan Kagl
Vorspiel zu Strophe 3-5:          Niels Wilhelm Gade
Vorspiel zu Strophe 6-7:          Max Reger
Nachspiel-Improvisation:         KMD Stefan Kagl

Die Predigt als pdf-Datei zum Nachlesen: